Zwischen Wäscheständer und Weltuntergang

 

 

Zwischen Wäscheständer und Weltuntergang

Von Jesko Schulze-Reimpell, 2026

Donaukurier, 9.2.2026

Ingolstadt/Kochel am See –Wenn es ein Thema gibt, das gerade wohl jeden Künstler betrifft,dann ist es die Künstliche Intelligenz. Sie kam unerwartet,fast über Nacht. Sie kann Bilder, Texte,Musik erzeugen –und sie wird bleiben. Aber was wird aus den künstlerischen Handarbeitern, aus den Analogen in der digitalen Welt?

Auch Anna Schölß, die jetzt den Tassilo-Preis der „Süddeutschen Zeitung“ erhält, beschäftigt sich intensiv mit KI. Und braucht sie doch eigentlich nicht. Die 42-Jährige hat dafür eine griffige Formel gefunden: IK statt KI – Intelligente Künstlerin statt Künstliche Intelligenz.

Daraus entwickelt sie aktuell mit ihrer Künstlerkollegin Gabi Blum ein Label. „Meine größte Angst ist Langeweile. Generative Systeme wiederholen sich“, sagt sie. „Mich interessieren Fehler, das Unperfekte. Ich arbeite alles händisch, analog, sehr langsam.“ Sie schätzt die Atmosphäre in ihrem großen Atelier: das Erspüren des Ortes, die Schönheit der Landschaft um sie herum, den Widerstand des Materials.

Schölß lebt in Kochel am See, in einer der schönsten Gegenden Deutschlands, im sogenannten Blauen Land, das schon die Künstler des „Blauen Reiters“ anzog: Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky. Ihr Haus liegt fast unmittelbar neben demFranz- Marc-Museum. Das inspiriert – und es passt zu einer Künstlerin, die sich nicht auf ein Medium festlegt, sondern das Dazwischen sucht: zwischen Bild und Raum, zwischen Fläche und Körper, zwischen Erinnerung und Gegenwart. Geboren in Ingolstadt, begann Schölß nicht als Malerin, sondern in der Welt des Theaters: Bühnenraum, Kostüm, Inszenierungen waren ihre Welt. Sie studierte in Wien und an der Akademie der Bildenden Künste München, war mit Stipendien auch in Krakau und Cuenca, ehe sie endgültig in die Malerei und in raumbezogene Arbeiten fand.

Das räumliche Denken ist geblieben. Immer wieder bewegt sie sich in einem Zwischenreich zwischen Dreidimensionalität und Leinwand, arbeitet in Schichten, überlagert, schneidet aus, baut neu. Manchmal legt sie ausgeschnittene Bildteile übereinander – sie nennt diese Arbeiten „Cutouts“. Auf diese Weise setzt sie sich etwa mit den streng geometrischen Strukturen im Werk ihres Großvaters Alois Schölß auseinander: harte Raster, überblendet von weichen, fließenden, verschwommenen Formen. Daraus entstehen überraschende Figurationen, die an Tiere oder Gesichter erinnern – wie ein Auftauchen aus dem Ungefähren. Dann wieder greift sie in den Alltag, zu Dingen, die man kennt und oft übersieht. Ein Wäscheständer etwa: In die alltägliche Konstruktion arbeitet sie flache Acrylscheiben ein, die plötzlich wie Geschirrtücher wirken – beweglich und doch erstarrt. Der Wäscheständer verweist auf die feministische Perspektive und den Klimawandel zugleich. „Der ist stark biografisch“, erzählt sie. „Es war der erste extrem heiße Sommer mit Kindern – die Ambivalenz zwischen: ‚Die Wäsche trocknet perfekt‘ und Angst vor einer völlig unnatürlichenHitze trieb mich um.“ So scheint das, was da hängt, in der Hitze zu schmelzen – und bleibt doch fest, wie eingefroren in einem Moment, der längst zu groß ist für private Befindlichkeit.

Die Arbeit mit dem Titel „Heat it up“ ist seit 2025 im Besitz der berühmten Sammlung für feministische Avantgarde, der Sammlung VERBUND in Wien, und wird ab 11. März in der Albertina in Wien in der international besetzten Ausstellung „Care Matters“ gezeigt. Um die Klimakrise geht es auch in „Melting Mobiles“, einer Serie von Bildern mit schmelzenden Handyhüllen in einer Umgebung, die sich wolkig auflöst. Das wirkt wie vorweggenommene Archäologie: halb verformte Smartphones, wie Relikte, die man eines Tages ausgraben könnte. 

Anna Schölß’ Werke sind gesellschaftlich aufgeladen, manchmal ausdrücklich politisch, häufig auch feministisch – ohne plakativen Zeigefinger. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sie gemeinsam mit anderen dasNetzwerk K&K gegründet hat, „Künstlerinnen mit Kindern“.Der Kunstbetrieb gebe sich gern progressiv, sagt sie, „ist aber strukturell sehr konservativ und patriarchal“. Das Bündnis setzt sich für die Anerkennung von Care-Arbeit ein, für Sichtbarkeit, für realistische Rahmenbedingungen. Es geht umElternzeiten bei Stipendien, um das Ende starrer Altersgrenzen bei Kunstpreisen, um Residenzprogramme, die nicht so tun, als gäbe es keine Kinder. Schölß weiß aus eigener Erfahrung, wie effizient man sich organisieren muss, wenn man Kunst als Beruf ernst nehmen will. Sie hat zwei Kinder, vier und neun Jahre alt. Ihr Alltag ist entsprechend klar getaktet: morgens ins Atelier, nachmittags wieder raus, wenn die Betreuung endet. Ein fast beamtiges Leben.

Für Anna Schölß gilt: Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, außerhalb gesellschaftlicher Bedingtheiten, sondern mitten darin – zwischen Wäscheständer und Smartphone-Nachrichten.